Stadt und Kreis Gumbinnen nach der Befreiung im September 1914

nach „Königsberger Allgemeine Zeitung" vom 24. September 1914
 
Allmählich kehrt die Ordnung in allen ostpreußischen Städten, so auch in Gumbinnen, wieder ein. Auch manche Zeitungen, welche über zwei Wochen hindurch ihr Erscheinen eingestellt hatten, wie die „Preußisch-Litauische Zeitung" in Gumbinnen, und die Berichte unserer Mitarbeiter in der Provinz erscheinen wieder. Aus Gumbinnen, das durch das russische Eindringen stark gelitten hat, schreibt uns — in Ergänzung unserer bisherigen Mitteilungen — heute unser dortiger R.-Berichterstatter:

An Häusern sind, so weit wir bisher festgestellt haben, niedergebrannt diejenigen der Grundbesitzer Kaufmann Hubert, Friedrichstraße 5, Kaufmann Kiehl, Goldaper Straße 2  und Königstraße 27—29, Böttchermeister Bahrke, Königstraße Nr. 31, Kaufmannswitwe Kösling, Königstraße 35, Kaufmann Schulz, Königstraße 37/39 (das Grundstück der Witwe Rodominsky, das inmitten dieses Häuserblocks liegt, ist stehengeblieben), die Vereinigten Maschinenfabriken sind zur einen Hälfte vollständig niedergebrannt. Vor dem Königstor sind dann noch zwei Scheunen neben dem Dobrinerschen Holzplatz vom Feuer zerstört. Dem Gutsbesitzer Didt in Annahof wurden sämtliche Stallungen und Scheunen auf der linken Seite der Chaussee nach Darkehmen angesteckt und alles eingeäschert. Bös sieht es auch in der Wilhelmstraße und am dortigen Tore aus. Der Brandfackel sind dort zum Opfer gefallen die Gebäude Nr. 21 (Geschwister Kenkel), 23 (Witwe L. Böhme), 25 (Justizrat Schmidt), 27 (Schmiedemeister Schinz), ein Teil des gegenüberliegenden Schweingruberschen Grundstücks (Nr. 32), Nr. 44 (Bäckermeister Friedrich Rieder) und das Neßlingersche Wohnhaus an der Pillkaller Chaussee. Von dem Artillerie-Kasernement ist ein großes neues Mannschafts-, und auf der andern Seite ist ein Verheirateten-Gebäude vernichtet. Alle diese Gebäude sind gänzlich ausgebrannt. Auf der Flucht haben die Russen viele Schaufenster zertrümmert, die Waren vernichtet oder gestohlen und die Läden ausgeplündert. Wohl in den meisten Wohnungen haben die Russen alles Verschlossene erbrochen und fürchterliche Musterung gehalten. Was sie nicht gebrauchen konnten, ist in den Zimmern herumgestreut. Hauptsächlich ist es wohl auf Zigarren, Zigaretten, Eß- und Trinkvorräte, sowie auf Geld abgesehen gewesen, auch auf Wäschestücke, denn man findet häufig, daß auch Silberzeug nur ausgekramt und dann in die Stuben geworfen ist. Doch hat man in einzelnen Häusern auch kostbare Möbel und Betten mitgehen heißen; ja, es sind ganze Wagenladungen mitgeschleppt worden. An Geldschränken hat man sich auch versucht. Ein wüstes Chaos von Trümmern bietet die Norddeutsche Kreditanstalt; dort ist viel gesprengt und vernichtet, aber wohl wenig Mitnehmbares gefunden worden. Auch in der Regierungshauptkasse ist gesprengt worden. Trostlos sieht es in zahlreichen Läden aus, die nicht nur ausgeraubt, sondern in wüste Haufen verwandelt worden sind. Es wird erzählt, daß die Russen, die anfänglich hier waren, sich durchaus anständig betragen hatten, und ihre Bedürfnisse vielfach prompt bezahlt haben, aber diejenigen, welche nachher kamen, das war keine Elitetruppe. Von diesen sollen sich nicht nur Mannschaften, sondern auch Höhergestellte zahlreiche Eigentumsvergehen haben zuschulden kommen lassen. Sogar dem eingesetzten russischen Landrat wird in dieser Beziehung manches nachgesagt. Dabei war den Leuten das Räubern streng untersagt, und es sollen auch Bestrafungen erfolgt sein, wobei die Knute eine Rolle gespielt hat. Das Räubern geschah meistens zur Nachtzeit. Wo Bewohner in den Häusern geblieben sind, ist vielfach nichts vorgekommen. Schlimm ist es einer Anzahl Einwohner im Alter von 18 bis 50 Jahren ergangen, die aufgegriffen und von den Russen wegtransportiert worden sind. Über deren Schicksal ist bis zur Stunde nichts bekannt geworden. Es erscheint trotzdem unzweifelhaft, daß es besser gewesen wäre, wenn die Einwohnerschaft nicht in dem Maße geflüchtet wäre. Leute, die hier geblieben sind, behaupten, daß dann nicht so viel Schaden angerichtet worden wäre. Doch sprachen wir auch Leute, welche nicht ein zweites Mal sich den Aufregungen und Ängsten, die sie ausgestanden hätten, aussetzen würden. Den Hiergebliebenen wird die Schreckenszeit unauswischbar im Gedächtnis bleiben.

Was die Kriegsverwüstungen im Kreisgebiet betrifft, so schreibt uns unser Korrespondent:

Sehr gelitten haben die Ortschaften Schwiegsein, Warschiegen, Karczamupchen. Hier sind fast alle Gebäude abgebrannt. Brakupönen ist auch sehr beschädigt. Vom Remontedepot sind fast nur die Wohnhäuser stehen geblieben. Im Dorfe ist die Schule abgebrannt, ferner das Pawelsche Gasthaus, die Besitzungen Mentz, Schawaller, Steiner, Uszkurat, in Springen das Fetschsche Gasthaus und eine Anzahl Besitzungen. In Grünhaus sind ebenfalls viele Gebäude vernichtet, so die Wirtschaftsgebäude und die Mühle des Besitzers Sembach, ferner Gebäude der Grundbesitzer Pomm, Beister, Höfert, Führer, Bluhm, Tausendfreund, Paslat, in Grünweitschen die Windmühle, in Ribbinnen die Besitzung Karos, in Sodehnen die Besitzung de la Chaux und mehrere Wirtschaftsgebäude des Gutsbesitzers Meyhöfer, in Szurgupchen die Besitzungen Keßler und Krause, sowie das Loshaus des Besitzers Schupp, in Schmulken die Besitzungen Radtke, Meinekat, Seibel und Rau, in Budßedßen die Besitzungen Kühl, Krause, Peter, Perrey, Müller, Torner, in Nemmersdorf die Kirchschule, sowie Stall und Scheune des Schmiedemeisters Schübe, in Kissehlen die Gebäude des Gutsbesitzers Dyck, in Groß-Baitschen das Heftsche Gasthaus, die Besitzungen beider Urbschat, in Mingstimmen die Besitzungen Hagemeister, in Wannagupchen die Baumannsche Windmühle, in Szirgupönen das Vorwerk Werdein, in Klein-Baitschen drei Besitzungen, in Purpesseln Wirtschaftsgebäude, in Bumbeln sind auch einige Besitzungen niedergebrannt, ebenso ein Gehöft und das Gasthaus in Buylien. — Unversehrt sind nach bisheriger Feststellung die Gebäude geblieben in Augstupönen, Groß-Berschkurren, Klein-Berschkurren, Pötschkehmen, Gerwischkehmen, Bibehlen, Wallehlischken, Eßerningken, Kasenowsken, Keymeiswerder, Eßerischken, Krauleidßen, Samelucken, Perkallen, Kulligkehmen, Skardupönen, Wilkoschen, Alt-Grünwalde. Kampischkehmen, Sodeiken, Luschen, Rudupönen, Narpgallen, Walterkehmen, Gerwischken, Didßiddern.

Menschenleben haben die Russen auch nicht geschont; in Rudbardßen haben sie ohne Grund die Besitzer Naujekat und Luschat erschossen, in Schmulken den Besitzer Rau.

Quelle: "Gumbinnen" von Dr. Rudolf Grenz

 


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