Die Russen in Gumbinnen

Der Erste Weltkrieg brachte der Stadt und dem Kreis Gumbinnen schwere Zeiten. Ostpreußen litt ja ganz besonders unter dem Kriege, war es doch die einzige deutsche Provinz, in die der Feind einbrechen konnte. Am stärksten hatten natürlich die Grenzkreise zu leiden. Sie mußten zu Beginn des Krieges den Einbruch russischer Truppen über sich ergehen lassen. Die deutsche Abwehr war leider zu schwach, weil man offenbar die Gefahr unterschätzt hatte. Rings an Ostpreußens Grenzen leuchteten sofort als drohende Fackeln die unzähligen brennenden Bauernhöfe, die dicht an der Grenze zuerst der Vernichtung anheimfielen. Währenddessen wurden die Freiwilligen in der Stadt eingekleidet, die ganz Jungen und die Alten, Landwehr und Landsturm.

Die drohende Gefahr erkennend, floh die Bürgerschaft Gumbinnens, und als der Schlachtenlärm immer näher kam, verlegten auch die Behörden ihre Dienststellen zunächst nach Insterburg, später nach Königsberg. Auch die Stadtverwaltung hatte ihren Posten verlassen. Die wenigen nicht gewichenen Gumbinner Bürger waren den Russen ausgeliefert, die am Sonnabend, dem 22. August 1914, von Stallupönen (Ebenrode) und Goldap her in die Stadt einmarschierten. Schier unübersehbar war die heranströmende Flut von Infanterie, Kavallerie und Artillerie, die sich in die wie ausgestorbenen Straßen ergoß. Die ersten Regimenter machten einen ordentlichen Eindruck, handelte es sich doch vorwiegend um Linientruppen, die man zuerst eingesetzt hatte. Sie sollten ja auch zuerst in Berlin einmarschieren, wozu sie sogar ihre bunten Paradeuniformen mitführten. Die Offiziere zeigten sich fast ausschließlich als verständnisvoll, nur begriffen sie nicht, warum die Zivilbevölkerung vor ihnen die Flucht ergriffen hatte, da sie sich nach ihrer Meinung nicht als Eroberer, sondern als „Befreier" fühlten.

Unter den Gumbinnern, die ihre Heimat aus Pflichtgefühl nicht verlassen hatten, war auch der damalige Gymnasialprofessor Dr. Rudolf Müller. Bei ihm erschien am Sonntagfrüh ein russischer Offizier, um ihn zum Höchstkommandierenden zu bringen. Der Name dieses Höchstkommandierenden blieb geheim, auch war es bei Strafe verboten, danach zu fragen. Dieser Gebieter ernannte kurzerhand Prof. Müller zum Gouverneur von Gumbinnen, zum russischen Gouverneur natürlich, denn Gumbinnen lag ja nun in Rußland. Der neue Gouverneur war selbstverständlich für alles verantwortlich, was in Gumbinnen geschah, und haftete mit seinem Kopf für Ruhe und Ordnung.

Nun war Gumbinnen also nach Ansicht der russischen Offiziere ein Teil des Zarenreiches geworden, wozu es ja — nach ihren Bekanntmachungen — eigentlich schon immer gehört hatte, und ein Militärarzt wollte sich sogar hier niederlassen, wenn der Krieg erst vorüber war. Die Mannschaften gaben kaum Anlaß zu Klagen, zumal sie nicht plünderten, sondern sogar die Rauchwaren bezahlen wollten, die man ihnen auf der Straße anbot, weil die Geschäfte fast ausnahmslos geschlossen waren. So lagen denn nun die Waren aller Art verlockend in den Schaufenstern, ohne daß jemand sie kaufen konnte. Kurz entschlossen setzte der Gouverneur Mädchen und Frauen und andere geeignet erscheinenden Leute als Verkäufer ein. Behelfsmäßig entwickelte sich so ein geordneter Geschäftsbetrieb, aus dessen Erlös die geflohenen Ladeninhaber sogar noch Geld bei ihrer Rückkehr herausbekamen.

Die Situation in der Stadt schildert treffend folgendes Vorkommnis: Eines Tages ließ der Kommandant den Gouverneur zu sich kommen und sprach erregt auf ihn ein, weil man Spione in der Stadt vermutete, denn man habe mehrfach Glockensignale gehört. In Begleitung mehrerer, sich allerdings sehr sorglos bewegender Offiziere mußte der Gouverneur in der Stadt umherfahren, um nach den Spionen zu forschen. Es war jedoch nichts zu finden. Erst etwas später kam man mit Hilfe von Einwohnern hinter das Geheimnis, das darin bestand, daß die abgelaufene Turmuhr des Rathauses zum Schluß noch einige unregelmäßige Schläge abgegeben hatte.
 
Auf dieser Fahrt hätte der Gouverneur fast sein Leben verloren. Als er nämlich im hellen Licht der Autoscheinwerfer stand, wurde auf ihn plötzlich geschossen, worauf die Offiziere das Feuer erwiderten. Obwohl etwa 30 Schüsse gewechselt worden waren, ließ sich nicht sogleich ermitteln, woher eigentlich die Schüsse kamen. Nun sah es der Kommandant als erwiesen an, daß sich noch deutsche Soldaten in der Stadt befänden, und drohte mit schweren Strafen. Der Gouverneur aber forschte selber nach und fand schließlich einen russischen Posten, der auf ihn geschossen hatte, weil er in dem Scheinwerferlicht einen Zivilisten sah, denen das Betreten der Straßen und Plätze der Stadt nach Einbruch der Dunkelheit verboten war. Damit war die Stadt noch gerade der Vernichtung entgangen.
 
Den nächsten Tag kam Rennenkampf. Ein kleiner Herr mit wildem, martialischem Schnurrbart. Er war sehr geschäftig und verhandelte viel mit der Hohen Exzellenz. Diese hatte offenbar mit ihm über mich gesprochen, denn sie rief mich heran und stellte mich dann mit den Worten vor: "Das ist unser Gouverneur, der Professor Müller." Rennenkampf schüttelte mir (d. h. Prof. Müller) wiederholt freundlich die Hand und sagte: "Halten Sie nur die Stadt gut in Ordnung, damit nichts passiert." Ich gab die Versicherung, daß alle Einwohner ruhige verständige Leute seien; es würde nichts vorkommen. Einer Einladung zum Mittagessen entging ich. Der Adjutant hatte mir früh gesagt, er habe den Auftrag, mich zum Essen aufzufordern, wisse aber die Zeit noch nicht, er würde es mir noch sagen. Das vergaß er, und als er mich abholen wollte, war ich nicht zu Hause. Er entschuldigte sich sehr, ich war aber froh, auf diese Weise der Ehre entgangen zu sein. Da die Unterhaltung natürlich doch russisch gewesen wäre und auch Sachen betroffen hätte, die nicht für meine Ohren bestimmt waren, wäre meine Rolle als eines stummen Gastes nicht gerade angenehm gewesen, deshalb verzieh ich dem Adjutanten sein Vergessen sehr gern, von der Hohen Exzellenz wurde er aber, wie er mir nachher erzählte, deshalb sehr getadelt. Ich wurde Rennenkampf in Gegenwart seines Stabes und vor zahlreichem Publikum, das den gefürchteten General sehen wollte, vorgestellt. Es wurde nun erzählt, Rennenkampf sei in Deutschland erzogen worden und hätte mich so freundlich empfangen, weil wir Schulfreunde seien. Er hätte sich gefreut, mich wieder zu sehen.

Donnerstag, den 3. September kam der Chef des Generalstabes Rennenkampfs, Oberst von Lupinski, in Begleitung eines anderen Offiziers in das Zimmer, in dem wir Mitglieder des Komitees versammelt waren. Er sagte mir folgendes:
"Herr General Rennenkampf läßt Ihnen mitteilen, daß er für Sie beim Zaren einen hohen Orden, den Wladimir-Orden, und zwar mit Schwertern, beantragt habe, wegen Ihres mannhaften Auftretens. Es ist dies eine seltene Auszeichnung für eine Zivilperson."
 
Dies blieb der russischen Gumbinner Behörde nicht unbekannt und diente mir zum Schutze gegen Drohungen mit dem gefürchteten Rennenkampf. Ich konnte mich gewissermaßen als seinen Schützling hinstellen.
 
Von seiner Hohen Exzellenz bekam ich den Auftrag, Geiseln zu stellen, die nächst mir verantwortlich wären. Dieselben sollten Tag und Nacht in einem Zimmer des Hotels sich aufhalten, um stets zur Stelle zu sein, im übrigen würden sie, wenn nichts passierte, in keiner Weise behelligt werden. Ich bat um zwei Tage Zeit, weil ich eine Versammlung einberufen und aus deren Mitgliedern freiwillig sich Meldende als Geiseln wählen wollte. Es wurde mir gewährt. Mein Prinzip war es, jede Ausführung zu verzögern, indem sie dann oft ganz in Vergessenheit kam oder wenigstens an Schärfe mehr einbüßte. Daß dies auch den russischen Charaktereigenschaften entsprach, hatte ich bald bemerkt. So bekam ich später einmal den Auftrag, sämtliche Fahnenstangen in der Stadt sofort innerhalb eines Tages entfernen zu lassen, weil mit ihnen nach außen hin Flaggensignale gegeben werden könnten. Ich sagte, ich würde durch die Stadt gehen und nachsehen, welches die höchsten Stangen seien und diese zuerst entfernen lassen. Den nächsten Tag sagte ich, das müsse ein Schlosser machen und wir hätten nur einen, der sei ein alter Mann und könne nicht mehr klettern; es möchten doch lieber Soldaten dazu bestimmt werden. Es wurde mir gleich entgegnet, wir hätten auch einen jungen Schlosser, der könne es tun. — Es wurde auf alles, was in der Stadt vor sich ging, sehr genau geachtet. — Ich erklärte, daß der vermeintliche junge Schlosser ein Tischler sei, den ich nur in Ermangelung eines Schlossers dazu engagiert hätte, die Häuser gewaltsam zu schließen, die Torwege durch Ketten abzusperren und dergleichen Arbeiten auszuführen (Tischler Hausmann, der sich durch außerordentliche Tätigkeit von früh bis in die Nacht sehr verdient machte). Es wurden zwei bis drei Stangen entfernt, die anderen, auch sehr hohe, blieben unbehelligt stehen. Die Sache kam eben in Vergessenheit. (Prof. Müller.)

Von besonderem Interesse ist die Schilderung Prof. Müllers, wie er als „Gouverneur" sein Stadtregiment organisierte:

 

„Für Montag, den 24. August hatte ich eine Versammlung in das Gesellschaftshaus einberufen. Eine Druckerei zur Anfertigung von Aufrufen oder sonstige Gelegenheit dazu besaß ich nicht. Ich ging also durch die Straßen und forderte jeden Begegnenden auf, zur Versammlung zu kommen, und bat ihn gleichzeitig, die Aufforderung weiter zu verbreiten. Es waren gegen 120 Personen erschienen. Ich setzte zunächst die Gründe auseinander, die mich veranlaßt hätten, in Gumbinnen zu bleiben, und bat sie alle, sich als Soldaten zu betrachten, die auf ihrem Posten ohne Furcht und Zagen auszuhalten hätten. Sie sollten sich glücklich schätzen, eine historisch so wichtige und für unser liebes Vaterland glanzvolle Zeit nicht aus der Ferne, sondern an den Stätten der Ereignisse zu erleben. Ernste, aber einmütige Zustimmung bewies mir, daß ich mit meiner Ansprache das Richtige getroffen hatte. Dann machte ich die Mitteilung, daß ich ohne vorheriges Befragen und ohne meine Zustimmung zu verlangen, zum Gouverneur von Gumbinnen ernannt sei und mir alle Rechte und Pflichten eines solchen von der russischen Regierung, die Gumbinnen für eine russische Stadt erkläre, übertragen seien.

Als Beisitzer ließ ich mir aus der Versammlung durch Zuruf wählen die Herren Rechnungsrat Meier, Rendant Hundsdörfer, Aufsichtsbeamten Hinz, Kaufmann Kannenberg und Stepputat, Tapezierermeister Krumm. Sodann wurde auf meinen Antrag beschlossen, öffentliche Küchen einzurichten. In diesen sollten solche Personen, die anderweitig wegen Schlusses der Gasthäuser keine Gelegenheit hätten, sich Essen zu beschaffen, gegen Entgelt Speise erhalten. Hauptsächlich sollten aber Familien, deren Ernährer im Felde standen, unentgeltlich Speise erhalten. Zur Errichtung solcher Küchen meldeten sich: Herr Born im Hotel du Nord, Wallat in der Erholungshalle, Wengerowski im Zentralhotel, Kantelberg in Norutschatschen.
 

 

Als Bürgen neben dem Vorsitzenden der russischen Behörde gegenüber meldeten sich freiwillig die Herren Amtsgerichtsrat a. D. Schettler, Rentier Radtke und Hotelbesitzer Wiese.

Ich schloß die Versammlung mit der Bemerkung, daß Gumbinnen für russischen Besitz erklärt sei. Ein lautes Hoch auf Kaiser Wilhelm könnte also als Hochverrat erklärt werden und uns und die Stadt in arge Verlegenheit bringen, ohne daß wir dadurch irgend etwas erreichen könnten. "Was wir im Herzen hegen, das wollen wir durch lautloses Erheben von unseren Sitzen zum Ausdruck bringen." Der ernsten Lage entsprechend gingen wir nun schweigend auseinander, und alle beschlich ein unheimliches Gefühl: "Wir sind in den Händen der Feinde."

An demselben Tage beraumte ich eine Sitzung des erwählten Vorstandes an. In derselben wurde beschlossen, daß eine Sicherheitsbehörde gewählt würde und dieselbe täglich von 9—1 und 4—6 Uhr im Sitzungssaale des Magistratsgebäudes, 1 Treppe hoch, durch Mitglieder vertreten sein sollte, die unteren Räume hatte der russische Kommandant belegt. Es war günstig, daß wir in nächster Nähe zueinander tagten, da wir uns unausgesetzt gegenseitig brauchten. Wir beschlossen nun, daß die Mitglieder der Sicherheitsbehörde durch eine weiße mit dem Magistratsstempel versehene Armbinde mit blauem Streifen kenntlich gemacht würden. Den einzelnen Mitgliedern wurden besondere Aufgaben zuerteilt, und zwar Herrn Rechnungsrat Meier das Finanz-, Herrn Rendant Hundsdörfer das Sanitätswesen. Die Aufrechterhaltung der Ordnung in den Straßen übernahmen besonders die Herren Hundsdörfer, Hinz, Radtke, als Dolmetscher diente Herr Krumm, die Verteilung von Fleisch übernahm Herr Hinz, die Verteilung von Mehl und Waren die Herren Stepputat und Kannenberg. Herr Kannenberg übernahm außerdem die Aufbewahrung des Geldes, das in unsere Kasse floß. Herr Schettler übernahm es, besonders für die Ausführung notwendiger getroffener Bestimmungen in der Stadt Sorge zu tragen, und Herr Gallinowski die Begräbnisse und entsprechenden standesamtlichen Notierungen.

Seiner Hohen Exzellenz machte ich Mitteilung von der stattgefundenen Versammlung und der Stellung der Geiseln. Zwecks Unterbringung der Geiseln sollte ich mit dem Stadtkommandanten verhandeln und sollte ich eine Bekanntmachung Rennenkampfs veröffentlichen. Dieselbe lautete:

Bekanntmachung
 
Allen Einwohnern Ostpreußens!

Gestern den 4./17. August überschritt das Kaiserliche russische Heer die Grenze Preußens und, mit dem Deutsche Heere kämpfend, setzt es seinen Vormarsch fort. Der Wille des Kaisers aller Preußen ist, die friedlichen Einwohner zu schonen:
1.  Jeder von Seiten der Einwohner dem Kaiserlichen russischen Heere geleistete Widerstand wird schonungslos und ohne Unterschied des Geschlechts und des Alters bestraft werden.
2.  Orte, in denen auch der kleinste Anschlag auf das russische Heer verübt wird, oder in denen den Verfügungen desselben Widerstand geleistet wird, werden sofort niedergebrannt.
3. Falls die Einwohner Ostpreußens sich keine feindlichen Handlungen zuschulden kommen lassen, so wird auch der kleinste dem russischen Heere erwiesene Dienst reichlich bezahlt und belohnt werden; die Ortschaften werden geschont und das Eigentumsrecht wird gewahrt bleiben.

gezeichnet: von Rennenkampf,
General-Adjutant Seiner Kaiserlichen Majestät,
General der Kavallerie.

Zum Gouverneur der Stadt ist Prof. Dr. Müller ernannt.

Ich fügte zu dieser russischen Bekanntmachung noch folgendes
hinzu:

1.   Zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung in der Stadt sind die mit weißen Armbinden versehenen Männer als Bürgerwehr mit allen Befugnissen der bisherigen Polizeibeamten ausgestattet, als Polizeibeamte durch
ihre Armbinden auch jedem russischen Soldaten gegenüber so vollständig legitimiert, daß ihnen der Soldat auf Ersuchen sofort Hilfe und Beistand in allen Fällen leistet, wo den Befehlen unserer Bürgerwehr nicht unbedingt und sofort Folge geleistet wird.
2.  Es ist aufs strengste verboten, alkoholische Getränke zu verkaufen oder sonst wie anzubieten, weder Zivilisten noch viel weniger Soldaten. Alle dem Handel mit alkoholischen Getränken dienenden Geschäfte müssen geschlossen bleiben und jeder Versuch, sich gewaltsam in den Besitz alkoholhaltiger Flüssigkeiten zu setzen, wird ohne weiteres als Anschlag auf das russische Heer von dem Kommandanten bestraft.
3.  Jeder Arbeitswillige wird sofort in städtischen Diensten bis auf weiteres beschäftigt und ihm sein Tagelohn am Schlusse des Arbeitstages bar ausgezahlt werden. Jede beschäftigungslose auf den Straßen angetroffene arbeitsfähige Person hat zu gewärtigen, durch die russische Militärbesatzung zu unentgeltlicher Arbeit gezwungen zu werden. Jede nicht arbeitende Person und alle Kinder ohne Unterschied erhalten hiermit den strengsten Befehl, sich von den öffentlichen Straßen und Plätzen fern zu halten, da auch sie zu gewärtigen haben, verhaftet zu werden. Insbesondere wird den weiblichen Personen untersagt, sich mit den Soldaten längere Zeit zu unterhalten.

Gumbinnen, den 28. August 1914.
Der Gouverneur
Prof. Dr. Müller.

 

Zu meinem Sekretär ernannte ich Herrn Tonat und als Gehilfen den Magistratsbureaulehrling Thiel, zu Aufsehern über die Straßenreinigungskolonnen die Herren Immer und Rudat, außerdem für Schließung der Häuser Herrn Hausmann und für sonstige Aufgaben Pillekat, Heß, Zachariat und andere. Alle Herren haben sich in aufopferndster Weise tätig gezeigt.

Herr Trichinenbeschauer Beck übernahm die Instandsetzung des Kühlwerkes auf dem Schlachthofe. Dort lagerten große Mengen Fleisches, die andernfalls zu verderben drohten.

Der russische Stadtkommandant war ein jovialer, liebenswürdiger Herr. Als ich ihm sagte, daß ich doch stets selbst als Bürge, nicht nur für alle Vorkommnisse, sondern auch für die Geiseln zur Verfügung stehe, und er deshalb von einer Internierung derselben absehen möchte, ging er ohne weiteres darauf ein, verlangte nur die Adresse der Herren. Da er aber augenscheinlich keinen sehr hohen Wert darauf legte, vergaß ich einfach, sie ihm einzureichen. Ich wurde nicht daran erinnert und keiner der Herrn jemals belästigt.
" (Prof. Müller)
 
Den Wünschen und Absichten der Russen entsprach es, daß die geflohene Bevölkerung zurückkehren sollte. Tatsächlich kamen auch viele Bewohner aus Stadt und Land zurück, mitunter ein ganzes Dorf an einem Tage. Die russischen Soldaten waren gegenüber den Zivilisten, die auf den Straßen umherzogen, sehr freundlich und hilfsbereit. Oftmals nahmen sie zu Fuß Wandernde auf ihren Fahrzeugen mit. Prof. Müller schildert: „In lebhafter Erinnerung bleibt mir ein Bild. Es war eine Mutter mit sechs Kindern von etwa 1 bis 15 Jahren angekommen. Alle hatten Hunger. Da brachten ihnen die russischen Soldaten einen großen Kessel mit Erbsensuppe und dicke hölzerne Kochlöffel."

Die Russen zeigten große Angst vor Spionen; besonders fürchteten sie Eisenbahnattentate und ließen deshalb die von den deutschen Truppen nicht zerstörten Schienenstränge scharf bewachen. Schließlich mußten sogar alle Dörfer bis zu einer Entfernung von zwei Kilometern von der Bahnlinie geräumt werden.

Leider blieben die Russen in der Stadt nicht so, wie sie sich zu Anfang aufgeführt hatten. Mehrere Tage lang dauerten die Sprengungen der öffentlichen Kassen, der Regierungshauptkasse, der Postkasse, der Banken usw. Lediglich der Vorschuß-Verein blieb verschont, da Prof. Müller diesen als Sparkasse armer Leute ausgegeben hatte. Der Kommandant sagte: „Arme Leute berauben wir nicht", und übergab dem „Gouverneur" 25 Rubel für die Armen der Stadt.

Schwierigkeiten bereitete die russische Forderung nach elektrischem Licht, da teils die russischen Soldaten die Drähte selbst durchschnitten hatten, und teils die für die Instandsetzung erforderlichen Arbeiter des Werkes geflohen waren. Nach einigen Tagen gelang es aber einem russischen Ingenieur, wenigstens für den Stab im Kaiserhof Licht zu schaffen.

Ähnliche Schwierigkeiten ergaben sich bei Instandsetzung der Gasleitung und der Wasserversorgung, die nur behelfsweise in Gang gebracht werden konnten.
 
Außerdem mußten täglich 200 Fuhrwerke für die russische Armee in der Stadt Gumbinnen abrufbereit zur Verfügung stehen. Doch da sie nie gebraucht wurden, erschienen immer weniger Kutscher mit ihren Fahrzeugen, zuletzt sogar überhaupt keine mehr. Dies führte zu einer Komplikation, als überraschend eines Nachts einige Damen des russischen Roten Kreuzes nach Insterburg gebracht werden sollten. Nach langem Hin und Her gelang es, ein Fuhrwerk von der Ziegelei herbeizuschaffen.

"Etwa 1 1/2 Wochen nach Einzug der Russen kam ein russischer Zivilbemater, der sich als Landrat des Kreises Gumbinnen vorstellte. Er konnte nur wenig Deutsch, hatte aber einen deutsch sprechenden Sekretär. Beide waren unsympathische Menschen. Er mischte sich gern in die Verwaltung der Stadt ein und kam mit allerhand kleinen Bestimmungen. Glücklicherweise schien er dem Kommandanten auch nicht sehr zu gefallen und suchte ich den immer als meinen nächsten Vorgesetzten vorzuschieben, wenn er etwas von mir verlangte. — Er verlangte auch Einsicht in unsere Einnahmen und Ausgaben. Die durften wir ihm, wie wir meinten, nicht verweigern. Deshalb verfiel Rechnungsrat Meier auf eine List. Unter dem Vorwand, eine genaue Zusammenstellung zu machen, legte er ein zweites Kassenbuch an; das für uns bestimmte mit richtigen Einnahmen und Ausgaben, Bestand gegen 40 000 Mark, das für den Landrat bestimmte mit weniger Einnahmen und größeren Ausgaben, so daß die Kasse nur wenig über 1000 Mark enthielt. Es war ein gewagtes Stück, aber es ging alles gut." Zu einer nochmaligen Revision der Kasse kam es nicht mehr, da die Stadt bald von den Russen befreit wurde. In der Nacht vom Freitag zum Sonnabend verließ der Herr Landrat die Stadt, Mittwoch vorher aber befahl er Prof. Müller zu sich und teilte ihm sehr feierlich mit, daß er von S. M. dem Zaren zum Gouverneur der Kreise Gumbinnen, Insterburg, Pillkallen, Stallupönen und einiger anderer, aber nicht Tilsit, ernannt sei, also eine Stelle gleich der unserer Regierungspräsidenten bekleidete.

Bemerkenswert ist, daß Prof. Müller nach der Befreiung den zurückkehrenden Beamten der Stadt Gumbinnen die Stadtkasse mit einer Einnahme von 45 700 Mark abliefern konnte. Es waren die Erlöse aus den etwa 10 Geschäften, die Müller für die Russen hatte eröffnen lassen.

Während die ersten russischen Regimenter musterhafte Disziplin gehalten hatten und nicht den geringsten Schaden verursachten, wurden die folgenden Truppen immer minderwertiger. Als die Offiziere sich verabschiedeten, sagten sie: „Nun kommen Truppen aus der Moskauer Gegend, da werden Sie etwas erleben, Sie tun uns leid!" Und so war es auch. Schon äußerlich unterschieden sie sich von den stattlichen Gardesoldaten, und die neu ankommenden waren immer schlechter ausgestattet, als die abgezogenen. Zuletzt waren es nicht mehr Leute, die den Namen Soldaten verdienten. Jetzt wurde in den Häusern auch viel geplündert und das Inventar zerstört. Die Betten zerschnitten sie öfters, weil sie zwischen den Federn Geld vermuteten. Auch verunreinigten sie vor ihrem Abzuge sehr häufig die Wohnungen. Außerhalb der Stadt war das Rauben noch ärger. Vor allem die leeren Bagagewagen wurden mit geraubten Gütern wie Möbeln, Nähmaschinen usw. beladen und entfernten sich in Richtung Grenze. Die russische Polizei war dagegen gänzlich machtlos. Allerdings wer beim Plündern erwischt wurde, hatte mit strenger Bestrafung zu rechnen.

Diese Bestrafung bestand in 10 oder 20 Hieben mit einer „fünfstrahligen Knute". Trotzdem nahmen die Übergriffe ständig zu, und es wäre wohl noch schlimmer gekommen, wenn die Russen nicht bald hätten abziehen müssen. Der nahe Kanonendonner und die vielen Flugzeuge am 10. September kündigten eine Wende zum Besseren an. Am 11. September fand Prof. Müller, als er sein Amtszimmer im Magistratsgebäude aufsuchte, die Zimmer der russischen Kommandantur schon leer. In der Nacht waren sie geräumt worden. So hatte auch die Amtstätigkeit des russischen Bezirks-Gouverneurs ein schnelles Ende gefunden.

Den ganzen Tag über fuhren nun russische Bagage- und Munitionswagen durch die Stadt der Stallupöner Chaussee zu. In den Fluß warfen die Russen Kisten mit Infanteriemunition und Granaten. Nachher mußte der Fluß abgelassen werden, damit die Munition wieder herausgeholt werden konnte. Zwischen den Wagen und auf den Bürgersteigen rannten Soldaten, wild mit scheuem Blicke. Sie hatten ihre Waffen weggeworfen, die Kleidung war höchst mangelhaft, viele hatten keine Kopfbedeckung, einige liefen barfuß. Die Verwundeten nahmen sie aber alle mit sich fort und ebenso noch alles, was sie irgend aus dem Lazarett wegschleppen konnten. Die Truppen befanden sich in deutlicher Auflösung. Trotzdem legten sie in vielen Häusern der Stadt Brände. Sie schlugen hier und da die Fenster ein und warfen brennende Zünder in die Wohnungen und Geschäfte.

Vor ihrem Abzug hatten die Russen auch ihre Fahnen entfernt. Solche befanden sich am Kaiserhof, wo der Stab einquartiert war, am Eingange des Magistratsgebäudes und hoch oben am Turme desselben. Das Blau war so dunkel, daß man es fast für schwarz halten konnte — und wäre die Reihenfolge der Farben nicht eine andere gewesen (weiß-blau-rot), so hätte man sie für deutsche Fahnen halten können. Die Fahne am Turm war eine sogenannte Siegesfahne. Sie hing an der aufrecht stehenden Stange lange herab und hatte russisch und deutsch aufgedruckt: „Siegesfahne".

Am Sonnabend, den 12. September zogen die deutschen Truppen wieder in Gumbinnen ein, zuerst nur einzelne Patrouillen, dann geschlossene Züge, Ulanen und Infanterie. Unter den ersteren befand sich auch ein Radfahrer. Zwei in der Garnisonbäckerei beschäftigte Russen hatten sich bei dem Abzüge der Ihrigen verspätet und ahnten die schnelle Ankunft unserer Truppen nicht. Sie glaubten, der Radfahrer komme allein und schossen auf ihn, aber ohne zu treffen. Nachrückende Soldaten eilten herbei und schössen die flüchtenden Russen nieder. Damit waren die Kampfhandlungen in der Stadt vorüber.

Sonntag, den 13. September, wurde Prof. Müller, da die städtischen Behörden noch nicht zurückgekehrt waren, von dem Regierungspräsidenten zum stellvertretenden Bürgermeister Gumbinnens ernannt. Es rückten an diesem Tage viele deutsche Soldaten durch die Stadt. Besonders ein Regiment, das aus der Richtung Darkehmen (Angerapp) kam, war sehr ermattet. Frauen und Mädchen brachten ganze Eimer voll Wasser herbei, andere holten aus dem Kaiserhof Brot. Anfangs gab es noch belegte Brote, dann Butterbrote, bis aller Vorrat erschöpft war.

Prof. Müller machte eine Bestandsaufnahme des von den Russen zurückgelassenen Beutegutes. Besonders gelegen kamen der Bevölkerung, die unter Salzmangel litt, 150 Zentner Salz. Sie wurden an die Bevölkerung in Stadt und Land unentgeltlich abgegeben. Auf dem Boden der Gasanstalt fanden sich nagelneue russische Mäntel, zu je 10 Stück verpackt — im ganzen wohl über 1000 Stück. Außerdem gehörten mehrere Waggonladungen Mehl zum Beutegut, das an die Bäckereien und einzelne Verkaufsstellen abgegeben wurde. Das Militär fand russische Vorräte aller Art in den großen Speichern in der Moltkestraße.

Große Schwierigkeiten bereitete in den nächsten Tagen die Unterbringung und Bespeisung von russischen Gefangenen, die zu 800 oder 3000 Mann in der Kreisstadt eintrafen.

Donnerstag, den 17. kam Herzog Ernst von Meiningen mit seinem Stabe und einer Brigade in Gumbinnen an. Einer der Adjutanten war ein Gumbinner Kind, der Sohn des ehemaligen Predigers Heinrici aus Gumbinnen, späteren Superintendenten in Goldap und Königsberg. Inzwischen waren auch von den Einwohnern Gumbinnens schon viele zurückgekehrt. Eine größere Zahl der Kaufleute zog in ihre Läden ein. Es wurde ihnen mitgeteilt, wieviel sie von der allgemeinen Kasse als Erlös für ihre Waren zu bekommen hätten. Einige waren unzufrieden, weil zu billig verkauft worden wäre, statt sich zu freuen, daß sie überhaupt etwas gerettet vorfanden.

Am 18. September kehrte der zweite Bürgermeister der Stadt, Schön, nach Gumbinnen zurück, und am 19. September, genau nach vier Wochen Tätigkeit wurde Prof. Müller aus seinen Pflichten entlassen. Oberregierungsrat Johannssen sprach ihm im Namen des Präsidenten den Dank der Regierung aus. Rechnungsrat Meier übergab die erfolgreich geführte Kasse mit den Belegen für die Einnahmen.

Die städtischen Körperschaften ehrten Prof. Müller durch die Verleihung des Ehrenbürgerrechts. Nach seinem Tode erhielt die Verbindungsstraße zwischen Meiser- und Meelbeckstraße, die an der Staatlichen Friedrichschule begann, ihm zu Ehren den Namen „Professor-Müller-Straße".

Bei seiner Entlassung aus dem städtischen Dienst hatte Oberregierungsrat Johannssen an Prof. Müller folgendes Schreiben überreicht:

Gumbinnen, den 19. September 1914. 

Euer Hochwohlgeboren haben Sich in uneigennützigster, aufopfernder Weise beim Einrücken der Russen in die Stadt Gumbinnen der Führung der Verwaltungsgeschäfte der Stadt unterzogen und der hier verbliebenen Bevölkerung wertvolle Dienste geleistet. — Mit dem Wiedereintreffen des Bürgermeisters Schön entbinde ich Sie hiermit von der Geschäftsführung, indem ich Ihnen namens der Staatsregierung Dank und volle Anerkennung für Ihre Arbeit ausspreche und der Bitte Ausdruck gebe, diesen Dank auch Ihren treuen Mitarbeitern zum Ausdruck bringen zu wollen.
 
Der Königliche Regierungspräsident.
J. v. Johannssen
           
L. S.                                                                                                           
Herrn Prof. Dr. Müller
hier

Über den Verlauf der weiteren Kämpfe im Kreisgebiet von Gumbinnen bis zur endgültigen Befreiung in der Winterschlacht in Masuren im Februar 1915 berichten wir in dem Abschnitt über die Kriegsgräber im Kreise Gumbinnen.

Quelle: "Gumbinnen" von  Dr. Rudolf Grenz - Autor: Prof. Dr. Rudolf Müller


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